500 Jahre Gesangbuch

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Die Geschichte des Gesangbuchs - eine Erfolgsgeschichte von Singen und Sagen mit Herz und Mund
Das Jahr 1524 ist das Geburtsjahr des Gesangbuchs. Vor 500 Jahren wurden die ersten evangelischen Gesangbücher gedruckt. Tausend Ausgaben folgten. Im Laufe der Zeit ist ein kleiner kultureller Schatz entstanden.
Doch nicht erst seit 500 Jahren singen die Menschen Gott zur Ehre. Schon im Mittelalter gab es volkstümliche „Cantiones“ (Gesänge). Aber bis zur Reformation sangen die Gemeinden während des Gottesdienstes keine geistlichen Lieder in der Volkssprache. In der katholischen Messe war das Singen der lateinischen Liturgie den Priestern vorbehalten. Lieder übernahm allerhöchstens ein Chor oder eine Chorschola.
Es gab Bücher mit liturgischen Gesängen in lateinischer Sprache oder einzelne Notenblätter von gregorianischen Gesängen. Diese wurden von den begabten Schreibern und Buchmalern der Klöster aufwendig mit farbigen Bildern verziert und mit feinstem Blattgold hinterlegt.
Vom Flugblatt zur gebundenen Ausgabe - die Geburtsstunde des evangelischen Gesangbuchs
1524 war ein Schwellenjahr der Reformation. Das neu entdeckte Evangelium, dass Gott alle Menschen ohne ihren Verdienst allein aus Gnade liebt und annimmt, sollte nach Martin Luther nicht nur gepredigt, sondern auch gesungen werden – sowohl in deutschsprachigen Gottesdiensten als auch in privater Andacht. Rückblickend schreibt er in seiner letzten Vorrede zu einem Gesangbuch (1545): „Gott hat unser Herz und Mut fröhlich gemacht durch seinen lieben Sohn, welchen er für uns gegeben hat zur Erlösung von Sünde, Tod und Teufel. Wer solches mit Ernst glaubet, der kann`s nicht lassen, er muss fröhlich und mit Lust davon singen und sagen, dass es andere auch hören und herkommen.“ Für ihn war das Singen ein frommer Weg zu Gott.
Die Reformation war also auch eine Singbewegung. So gehört heute das gemeinsame Singen von Liedern wie selbstverständlich zu jedem Gottesdienst dazu. Luther wollte mit deutschsprachigen Liedern den Gemeinden die Möglichkeit geben, sich am Gottesdienst zu beteiligen. Außerdem hatte er damit ein neues Transportmittel gefunden, auf dem seine reformatorische Erkenntnis weiter getragen werden konnte. Doch dazu war es nötig, überhaupt erst einmal entsprechende Lieder zu schaffen – also: zu dichten und dann geeignete Melodien zu den jeweiligen Texten zu setzen. Sozusagen „auf Kommando“ sollte so eine eingängige geistliche Dichtung entstehen.
Im Sommer 1523 begann Luther dafür deutschsprachige Lieder zu schreiben. Doch der Reformator sammelte und prüfte auch das bereits vorhandene Liedgut. Er wollte nicht um jeden Preis Neues schaffen. Zudem war Luther der Meinung, dass er selbst nicht begabt genug sei, um den Anforderungen zu genügen. Darum wandte er sich an mehrere Freunde und bat sie um die Übertragung einzelner Psalmen in eine Liedform. Da hatte der Reformator selbst schon zwei Psalmübertragungen erstellt – zu Psalm 130 das Lied „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ (bis heute im Evangelischen Gesangbuch (EG) zu finden, Nr. 299) und zu Psalm 67 „Es wollte Gott uns gnädig sein“ (EG 280). Verbreitung fanden die ersten „Martinischen Lieder“ als Einblattdrucke auf Flugblättern.
1524 ging es dann Schlag auf Schlag: Luther hatte andere Dichter und Sänger gefunden, die im reformatorischen Geist deutsche Lieder schrieben, zum Beispiel Paul Speratus (1484 – 1551). Mit ihm stellte Luther seine erste Sammlung von reformatorischen Kirchenliedern zusammen. Anfang 1524 erschien dann als erstes evangelisches Gesangbuch das „Achtliederbuch“ unter dem Titel „Etliche christliche Lieder, Lobgesang und Psalmen dem reinen Wort Gottes gemäß aus der heiligen Schrift“. Vier der acht Lieder stammten aus Luthers Feder. Dazu gehörte neben dem Lied „Nun freut euch, liebe Christen g´mein“ (EG 341) und „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ (EG 299) u. a auch das Lied „Es ist das Heil uns kommen her“ (EG 342 v. P. Speratus).
Damit auch alle die Melodien gut aufnehmen konnten, gehörte es zu den Kennzeichen der evangelischen Gesangbücher, dass sie nicht nur die Liedtexte boten, sondern auch die zugehörigen Noten. Für die musikalische Gestaltung gewann Luther Johann Walter (1496 - 1570). Er war Komponist, gehörte der sächsischen Hofkapelle an und stand in engem Austausch mit dem Reformator. Man könnte ihn als „Urkantor“ der deutschen evangelischen Kirche bezeichnen. Bei der Ver- tonung der Lieder wurde teilweise auf bekannte Melodien zurückgegriffen, zum Teil wurden aber auch neue Singweisen geschaffen. Nur für die Melodie von „Ein feste Burg ist unser Gott“ (EG 362) steht Luthers Urheberschaft fest. Im Spätherbst 1524 gab Luther ein „Geistliches Gesangbüchlein“ (mit 43 Liedern) heraus, für dieses Johann Walter mehrstimmige Sätze für Chöre komponiert hatte. Es gilt als erstes Chorgesangbuch.
Das Erfurter Enchiridion – ebenfalls 1524 erschienen – umfasste eine weitere Sammlung von 25 Liedern, die insbesondere von Luther stammten.
Diese Bücher blieben nicht die einzigen. Mit dem „Achtliederbuch“ begann die Reihe evangelischer Gesangbücher, von denen allein im 16. Jahrhundert fast 500 verschiedene Ausgaben herausgegeben wurden.
Die technische Voraussetzung für die Verbreitung der Lieder hatte Johannes Gutenberg um 1450 durch seine Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern und der Druckerpresse geliefert. Zudem war um 1520 der Notendruck mit beweglichen Typen erfunden worden. So konnten die reformatorischen Gedanken neben der Predigt in der deutschen Sprache auch durch die Lieder unter den Menschen verbreitet werden.
Viele Lieder aus dem 16. Jahrhundert finden sich bis heute im Evangelischen Gesangbuch und prägen es.
Im Wandel der Zeit
Evangelische Gesangbücher erschienen seitdem regelmäßig, zunächst mit starker lokaler und konfessioneller Prägung. Bald bildete sich aber ein Kern an Liedern heraus, die weite Verbreitung fanden und dann in den jeweiligen Sammlungen um regional beliebte Texte und Melodien ergänzt wurden.
Zunächst hatten - den Kirchenhistorikern zufolge - nur wohlhabende städtische Bürger ein Gesangbuch. Die Ärmeren und weniger Gebildeten lernten die Lieder, die Schulmeister und Kantoren ihnen beibrachten, auswendig. Doch mit der Schulbildung wuchs stetig auch die Nachfrage nach den Büchern. Im 19. Jahrhundert besaß nahezu jede Familie ein Gesangbuch -
und damit viel mehr als eine Liedersammlung: ein Erbauungsbuch für alle Tage, Jahreszeiten und Feste, Glauben und Zweifel und Tod.
Seine Blütezeit erlebte das Gesangbuch in der Barockzeit. Der Dichter Paul Gerhardt (1607 - 1676) spendete mit Liedern wie „Befiehl Du Deine Wege“ (EG 361) und „Geh aus mein Herz“ (EG 503) angesichts von Entbehrungen und Grauen im 30-jährigen Krieg (1618 - 1648) Trost und Hoffnung. Auch die Lieder von Johann Crüger (1598 - 1662) waren Inhalt der Liedsammlungen dieser Zeit. Sein Hauptwerk, ein Gesangbuch mit dem Titel „Praxis pietatis melica“, war das wichtigste Gesangbuch des 17. Jahrhunderts. Es erlebte beeindruckende 44 Auflagen.
Im 18. Jahrhundert wurde die Sprache wichtiger als die Melodien. So gibt es im Freylinghausen‘schen Gesangbuch von 1704/14 zu 683 Texten 174 Melodien. Zwischenzeitlich war die Liedervielfalt groß geworden (ca. 3.500 Lieder). So bemüht sich Nikolaus Graf von Zinzendorf (1700 - 1760), Gründer der Herrnhuter Brüdergemeine und selbst Dichter zahlreicher Lieder, um ein konfessionsverbindendes Liederbuch.
1854 gelang es schließlich der Eisenacher Konferenz (Konferenz der evangelischen Kirchenleitungen) eine Kernliederliste mit 150 Liedern zu erstellen. Darunter waren auch Lieder von Martin Luther und Paul Gerhardt.
Anfang des 20. Jahrhunderts gab es eine aktive Liturgie- und Singbewegung, die auch viele neue Liederbücher hervorbrachte.
So entstanden in fünf Jahrhunderten (auch bedingt durch die deutsche Kleinstaaterei) zwischen 7.000 bis 8.000 evangelische Gesangbuch-Ausgaben.
Doch nicht nur Positives ist mit der Geschichte des Gesangbuchs verbunden. Ein dunkles Kapitel war die Zeit des Nationalsozialismus, als die Deutschen Christen versuchten, ihre teils patriotischen Inhalte in ein eigenes Kirchengesangbuch hineinzuschreiben. Bis heute werden manche Textveränderungen dieser Zeit diskutiert.
Nach dem Krieg wurde dann ein neues Gesangbuchkapitel aufgeschlagen: Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) schaffte 1950 erstmals ein Einheitsgesangbuch mit unterschiedlichen Regionalanhängen.
Etwa 40 Jahre später erschien - modernisiert und um neuere Lieder ergänzt - das „Evangelische Gesangbuch“, das heute noch in Gebrauch ist. Es wurde zwischen 1993 - 1996 in allen Evangelisches Landeskirchen in Deutschland und zum Teil in den deutschsprachigen Gemeinden im europäischen Ausland eingeführt.
Inzwischen befasst sich eine Kommission der EKD mit einer weiteren Revision: Ziel ist ein neues Gesangbuch im nächsten Jahrzehnt. Den Anlass dafür boten die Lutherbibel von 2017, die Perikopenneuordnung und neu hinzugekommenes Liedgut. Beratung, Sammlung und Auswertungen haben 2019 begonnen, Ausschüsse sind gebildet. Die meisten Gesangbuchprozesse im letzten Jahrhundert haben jedoch zehn und mehr Jahre gedauert. Insofern wird auch das jetzige EG (inkl. Begleitbuch „Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder“ mit 224 weiteren Titeln) die Gemeinden noch eine Weile begleiten.
Und sicher ist: es gibt auch nach ca. 30 Jahren in diesen Ausgaben immer wieder noch Neues zu entdecken!
Aktueller Aufbau des evangelischen Gesangbuchs
Das EG erscheint in 14 verschiedenen landeskirchlichen Regionalausgaben. Der Regionalteil für Baden wurde gemeinsam mit den Kirchen von Elsass und Lothringen herausgegeben.
Der gemeinsame Stammteil des EG enthält unter 535 Nummern 567 Lieder und Gesänge. Insgesamt umfassen die Lieder des Gesangbuchs etwa 2860 Strophen (je nach der Art der Zählung gibt es dabei Schwankungen). Vom strophenreichsten Lied „Ich singe dir mit Herz und Mund“ (EG 324) von Paul Gerhardt sind 18 Strophen abgedruckt (bereits in früheren Ausgaben).
Das Gesangbuch enthält eine Viezahl mit einem „ö“ gekennzeichneten Lieder. Deren Fassung ist von der Arbeitsgemeinschaft für ökumenisches Liedgut erarbeitet und die Lieder sind so auch im katholischen Gotteslob enthalten.
Bei rund 20 Liedern im Stammteil wurden fremdsprachige Texte (englisch, Zulu, schwedisch etc.) berücksichtigt. In manchen Regionalteilen finden sich sogar Lieder in Dialekten, z. B. Plattdeutsch im Hannoverschen EG. Neben Liedern enthält das Gesangbuch auch feststehende Texte zur Liturgie, Gebete für verschiedene Anlässe und Bekenntnistexte (z.B. Luthers Kleinen Katechismus oder die Barmer Theologische Erklärung). Es gibt also neben Liedern viel zu entdecken! Sie sind herzlich eingeladen weiter zu stöbern.
Textbasis von Reinhard Ellsel und www.ekd.de
Auch in unserer Kirchengemeinde wurde 2024 eine Umfrage zum beliebtesten Gesangbuchlied erhoben. Die Ergebnisse finden Sie
